Mary Halvorson & Jessica Pavone – Thin Air

ExperimentalJazz, VÖ: März 2009
THIN AIR von MARY HALVORSON und JESSICA PAVONE passt zwar nicht ganz in ein bestimmtes Genre, ist aber ein oft spannendes Werk, das faszinierende neue Richtungen bei genreübergreifenden Erkundungen aufzeigt.

Die Musik der Gitarristin Mary Halvorson und der Bratschistin Jessica Pavone ist sofort mitreißend, aber angenehm, unvorhersehbar und doch gelassen, kraftvoll und doch subtil, verletzlich und mutig. In der erlesenen Atmosphäre von Duettaufnahmen, in denen es nur wenige Orte zum Verstecken gibt, wird der Kontext der Musik zu einem kraftvollen Resonanzkörper für künstlerische Werte. „Thin Air“ ist die dritte Veröffentlichung des Duos und ein reichhaltiges Dokument des evolutionären Fortschritts, den ihre Musik seit der Veröffentlichung ihres ersten Albums „Prairies“ aus dem Jahr 2005 erreicht hat. Mary Halvorson und Jessica Pavone arbeiten beide mit dem intellektuellen Komponisten Anthony Braxton zusammen, aber ihr drittes Album als Duo ist wesentlich zugänglicher als Braxton’s komplizierte, manchmal abweisend intellektuelle Werke.

Sie teilen sich die Stimmpflichten und singen schräge Kadenzen in harmonischer Polyphonie, die eine eindringlich ergreifende Tonalität ergeben. Ihre Texte wechseln vom Abstrakten zum Konkreten, eine Ästhetik, die sich in ihrer Instrumentalarbeit widerspiegelt. Als einzigartige Gitarristin wechselt Halvorson zwischen gebrochenen Akkorden und spinnenartigen Leads und würzt die Melodien mit heftigen Verzerrungs- und Rückkopplungsausbrüchen – wodurch die düstere akustische Patina der Session mit einer Portion krassen Modernität verstärkt wird. Pavone’s lyrische Glissando erklingen in einem anmutigen, beschwingten Hell-Dunkel und beschwingen geschmeidige Themen mit einem sehnigen, bittersüßen Ton, wenn sie sich nicht durch labyrinthische Strukturen winden.

Das Tolle an „Thin Air“ ist, dass man sich der Richtung nie sicher sein kann. „Juice“ beginnt mit einem schleichenden Walzergefühl, das in Richtung Skronkville geht, aber nie ganz dort ankommt. Dissonanz hat noch nie so gut geschmeckt. Ein Highlight hier ist „Lullaby“, dass das Gespür dieser beiden für Genremischungen unter Beweis stellt. Was als stattliches Klagelied beginnt, verwandelt sich bald in Passagen mit Gitarrenlinien, die auf einer Platte von Django Reinhardt nicht fehl am Platz wären. Andere Stücke sind ebenso betörend und klanglich abwechslungsreich. Das dramatische Klagelied „Sinking“ variiert von schmerzvollen langen Tönen bis hin zu funkelnden Spitzen. Kurz vor der Coda brechen Halvorson und Pavone in ein paar poetische Verse ein, bevor sie die Melodie mit einer düsteren, verlassenen Note beenden. 

Trotz ihrer begrenzten Instrumentalpalette ist ihr dynamisches Spektrum enorm und reicht vom krampfhaft gewalttätigen Pointillismus von „Barber“ bis zum üppigen „Lullaby“ und „…And Goodnight“, herzerwärmenden Skizzen von Americana, die das Album mit einem Funken Hoffnung abschließen. Konzipiert von Künstlerinnen, die außerhalb von Labels agieren, ist „Thin Air“ eine Platte, die einfach jenseits aller Kategorien liegt.

7.7