Lilly Hiatt – Walking Proof

Americana, VÖ: März 2020
LILLY HIATTs viertes Album WALKING PROOF bildet mit ihren letzten beiden so etwas wie eine thematische Trilogie: Royal Blue aus dem Jahr 2015, ein Porträt einer Beziehung im Todeskampf, und das härtere, düsterere Trinity Lane aus dem Jahr 2017, das ihre unmittelbaren Folgen darstellt. Nun ist sie klüger und selbstbewusster geworden und sogar bereit, eigene Ratschläge zu erteilen.

Lilly Hiatt’s Lieder sind entwaffnend persönlich und ungemein liebenswert, selbst wenn sie über Scheiße singt – was ziemlich oft vorkommt. Es gibt ein fast parasoziales Element in Hiatt’s Songwriting: Ihre Stimme ist wie die einer alten Freundin, die sich ständig in verschiedenen Phasen befindet, in denen sie ihren Kram zusammenkriegt. Vor allem ihr Liebesleben scheint immer ein Chaos zu sein und sie sucht nach einer Schulter, an die sie sich lehnen kann. Die in Nashville ansässige Singer-Songwriterin spielt eine tolle Gitarre, singt ausdrucksstark und überzeugt und schreibt brillante Songs, die Herz und Verstand berühren. Hiatt hat bisher drei großartige Alben veröffentlicht, jedes besser als das vorherige. Sie setzt diesen Aufwärtstrend auf „Walking Proof“ fort, wo jeder der 11 Titel durch einfallsreiches Spiel, temperamentvolle Gesänge und einfühlsame, gebildete Texte glänzt.

Die ausgewogene Mischung aus Eigenart, Selbstvertrauen und Handwerkskunst macht „Walking Proof“ zu einem herausragenden Stück für 2020, sowohl innerhalb als auch außerhalb der reichen Musikszene Nashville’s. Die Genre-Flexibilität schadet nicht: Obwohl Hiatt’s Arbeit hier wohl die Rock-Wurzeln von Americana mehr bevorzugt als andere, gibt es eine gesunde Portion Courtney Barnett, Tom Petty und Dinosaur Jr., die den Sound der Platte prägt. Aber die Art und Weise, wie Hiatt’s Songwriting uns dazu einlädt, über unser eigenes Selbstwertgefühl nachzudenken, indem sie uns dazu einlädt, sich der befreienden Veröffentlichung des Rock’n’Roll hinzugeben, ist geradezu elektrisierend. „Walking Proof“ erklimmt Gipfel und steigt durch Täler hinab, stolziert von „P-Town“ über „Little Believer“ bis hin zu „Brightest Star“ und kühlt sich dann bei „Candy Lunch“ und „Walking Proof“ ab. 

Wenn jemand so gut anfängt wie Lilly Hiatt auf ihren ersten beiden Platten, fällt es einem manchmal schwer, den Standards gerecht zu werden, die man sich selbst gesetzt hat. Aber sie hat mit „Walking Proof“ nicht nur die Erwartungen übertroffen, sie hat auch ein Album gemacht, das für sie selbst schwer zu toppen sein wird, obwohl das niemand, der ihre Musik bisher verfolgt hat, auf die Idee bringen würde.

9.0