Lianne La Havas – Blood

Soul, VÖ: Juli 2015
BLOOD zeigt LIANNE LA HAVAS angesichts ihrer jamaikanischen und griechischen Wurzeln mit einer Vielzahl von Ansätzen, von klassischem Soul Jazz bis zum mürrischen Elektro Rock.

Lianne La Havas blüht eindeutig als Sängerin auf, ihre Entwicklung wurde zweifellos durch die jüngsten Begegnungen mit dem Songwriting und Auftritten mit Prince unterstützt. Während der akustischere Ansatz des ersten Albums zu einem koketten und relativ schüchternen Interieur passte, wirft „Blood“ oft alle Vorsicht in den Wind, wenn La Havas sich dem Mikrofon nähert, ihr Vibrato erweitert, ihren Kopf in den Nacken wirft und mit allen Kräften singt. „Blood“ ist der Sound einer erwachsenen La Havas, sich verzweigend und, wenn man zynisch ist, nach einem möglichst breiten Publikum greifend. Daran ist natürlich an sich absolut nichts auszusetzen. Doch bei jedem Hören des Albums ist es schwer, nicht enttäuscht zu sein, dass die Subtilität und Nuance, die vor drei Jahren so besonders waren, sich anfühlen, als wäre sie von einem filmischeren Breitwandglanz zur Unterwerfung geprügelt worden.

Das soll keineswegs heißen, dass dies ein schlechtes Album ist. Künstlerinnen dieses Kalibers kommen aber selten daher. Wir sind uns auch alle einig, dass Alben, die mit einer solchen Fanfare wie „Blood“ veröffentlicht wurden, fast immer die richtigen Elemente an den richtigen Stellen enthalten. Das Problem ist, wenn man eine Künstlerin mit dem Potenzial von Lianne La Havas ist, kann sich ein großartiges Album für eine andere Künstlerin immer noch wie eine Enttäuschung anfühlen. Wahrscheinlich unfair, aber so ist es. Manchmal, wie zum Beispiel bei „What You Don’t Do“ mit seinem Dancehall-durchdrungenen Rhythmus und dem herrlich swingenden Refrain, dem von Paul Epworth produzierten Opener „Unstoppable“, der La Havas‘ Herzschmerz in den Vordergrund rückt, und auf ihre Zusammenarbeit mit Jamie Lidell, „Green and Gold“, deutet auf potenzielle Größe hin. 

Leider ist der Sinn des Ganzen, vielleicht wegen des schieren Gewichts der Mitarbeiter und der Leute, die sich auf dem Stuhl des Produzenten abwechseln, dass das, was Lianne La Havas früher so deutlich von der Masse abgehoben hat, irgendwie zugunsten der Suche nach breiterer Anerkennung verloren gegangen ist. Das Beste des Albums ist jedoch so fantastisch, dass man immer wieder Lust auf den Rest bekommt. Der zurückgenommene Future-Doo-Wop von „Wonderful“ konzentriert sich auf eine Stimme verführerischer Erotik und der elegische Schlusstrack „Good Goodbye“ ist eine folkige Hymne von solch emotionaler Zartheit und beruhigender Weisheit, dass sie es verdient, zu einem festen Bestandteil von Bestattungsfeiern zu werden. 

Das kräftige Rosa des Albumcovers deutet auf La Havas’ neu erwachtes Selbstvertrauen hin, und mit einer so feinen Stimme wie ihrer hat sie Recht, so zu denken, denn auf „Blood“ gelingt es ihr größtenteils, ihr Instrument zu nutzen und die Gedanken in ihr zu enthüllen. Groß ist nicht immer besser, aber hier tendiert es zum Triumph.

6.8