Kelsea Ballerini – Unapologetically

CountryPop, VÖ: November 2017
Das zweite Album der 24-Jährigen KELSEA BALLERINI hat die Patina des modernen Pop, mit programmierten Drumbeats und aufmerksamkeitsstarkem Bombast.

So sehr sich Künstlerinnen wie Margo Price und Brandy Clark im Kritikerlob für ihre rückläufige Interpretation der Country-Musik sonnen, so sehr sind die mutigsten Künstlerinnen des Genres heutzutage diejenigen, die Lieder über Selbstvertrauen in einem radiotauglichen Format singen. Und im Moment gelingt das niemandem besser als Kelsea Ballerini. Das zweite Album der 24-Jährigen hat die Patina des modernen Pop, mit programmierten Drumbeats und aufmerksamkeitsstarkem Bombast. Vom Ruf her – und dem kunstvollen Klang in Ballerini’s Stimme – ist es eher Country als vom Klang her. Doch innerhalb des Albums verzichten die Songs auf Liebeskummer und bittere Rachefantasien. 

Stattdessen blickt Ballerini mit so etwas wie Verwirrung und Erleichterung auf die Trümmer einer alten Beziehung und das Aufblühen einer neuen. „I forgot I had dreams, I forgot I had wings“, singt sie zu den wogenden Beats von „Miss Me More“, „I forgot who I was before I ever kissed you.“ Ihre Stimme ist gewinnend süß und auch dauerhaft stark – sie deutet eine sorgfältig unterdrückte Zärtlichkeit an. Und sie ist eine elegante Songwriterin; Viele der besten Songs hier wurden von Ballerini zusammen mit Shane McAnally und Hillary Lindsey geschrieben, Meisterinnen emotionaler Details. 

Gelegentlich gibt Ballerini dem großen Gefühl nach, und je weniger spezifisch sie ist, desto weniger berührend sind ihre Lieder, wie etwa bei „End of the World“, das den großen Schwung mit der Tiefe verwechselt. Aber wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann ist es das Gespenst von Taylor Swift, die in den letzten Jahren mehr als jeder andere gezeigt hat, wie man Nashville’s Patriarchat abbaut, und in deren Spielbuch sie manchmal einen Blick wirft. Überall auf diesem Album gibt es Melodien, Akkordwechsel, lyrische Bilder und strukturelle Tricks, die den ersten drei Alben von Swift verpflichtet zu sein scheinen. 

Sogar die Art und Weise, wie Ballerini bei bestimmten Vokalen verweilt, lässt auf den Schatten von Swift schließen. Um jedoch ganz zu sich selbst zu kommen, muss Ballerini sich davon genauso effektiv befreien, wie sie die einfältigen Männer der Country-Musik abwehrt.

7.5