Kelly Lee Owens – LP.8

Auf LP.8 schöpft KELLY LEE OWENS aus verschiedenen, scheinbar widersprüchlichen mystischen Energien und kreiert Musik, die sowohl herausfordert und schockierend als auch beruhigend ist.

Der Nachfolger von Kelly Lee Owens‚ zweitem Album „Inner Song“ trägt den Titel „LP.8“ und bewegt sich auf ihrer eigenen Zeitachse vorwärts. Wie bei vielen Künstlern, die Musik in den Tiefen des Lockdowns veröffentlichten, fand sich Kelly Lee Owens mit einer abgesagten Tour und ohne Verpflichtungen wieder. Die in London ansässige walisische Produzentin und Sängerin wollte jedoch keine potenzielle Zeit und keinen Raum für Kreativität verlieren und zog nach Oslo, Norwegen, der Heimatstadt ihres Labels Smalltown Supersound. Dies hatte zur Folge, dass sich ihr neues Album deutlich von ihren früheren Veröffentlichungen unterscheidet, und zeigt zugleich, dass sie den tranceartigen Techno und Downtempo-Pop, den sie zuvor machte, weitgehend hinter sich gelassen hat. Das soll nicht heißen, dass die Musik von Kelly Lee Owens weniger physisch geworden ist, ganz im Gegenteil.

„LP. 8“ ist lauter und experimenteller als frühere Werke; mit Beiträgen des langjährigen norwegischen Experimental- und Noise-Künstlers Lasse Marhaug (der, abgesehen davon, dass er nördlich des Polarkreises geboren wurde, über jahrzehntelange Erfahrung mit der Herstellung einiger der härtesten Klänge verfügt, die man sich vorstellen kann). Die Highlights „Voice“ und „Sonic 8“ werden ein todsicherer Test für jedes Club- oder Festival-Soundsystem sein und der kalte, bedrohliche Techno von „Release“ klingt ein bisschen wie das Innere eines Kraftwerks, das wirklich hart arbeitet um eine Stadt warm zu halten. „Release“ baut auf durchgehend knisternden Texturen und hämmerndem Bass auf. Owens wiederholt „release“ wie eine Beschwörung, während ihre eigene Stimme „move“ flüstert – der schrille Charakter des Songs ist ein Drang, seinem Titel nachzugeben.

Das verbindende Thema von „LP.8“ liegt in seinem Titel. Owens beendete vor ein paar Jahren ihr Debüt mit einem Song namens „8“ und sprach darüber, wie wichtig diese Zahl für sie ist. Sie wurde im achten Monat des Jahres 1988 geboren, und 8 ist das Zeichen der Unendlichkeit, das sich auch auf diesem Album wie eine repräsentierte Kraft anfühlt, in seinen Wiederholungen, grenzenlosem Streben und instabilen, aber miteinander verbundenen Elementen, eingebettet in mystische Absichten. „One“ ist ähnlich ergreifend, aber es ist der apokalyptische Abschluss „Sonic 8“, der dieses Gefühl der Dringlichkeit am direktesten vermittelt. Krachende Drums und tickende Zeitbomben-Synthesizer werden mit sich wiederholenden Texten gekoppelt – „This is a Emergency, This is a Wake-up Call“ – bevor Owens fragt: “What are you gonna do about it? / None of us are free unless all of us are free”. 

Man hat am Ende das Gefühl, Owens meint damit nicht nur die Erderwärmung, sondern ganz allgemein den Zustand unserer konfliktreichen Welt.

7.7