Kelly Clarkson – Breakaway

PopRock, VÖ: November 2004
BREAKAWAY von KELLY CLARKSON könnte in den kommenden Jahren als Popklassiker in Erinnerung bleiben, neben Madonna’s frühem Material vielleicht, oder es könnte das Schicksal von Tiffany, Lolly und dergleichen erleiden. Irgendwie scheint ersteres in diesem Moment wahrscheinlicher.

Das Interessanteste an Kelly Clarkson scheint zu sein, dass sie überhaupt nicht interessant ist. Selbst als sie die erste Gewinnerin von American Idol wurde und „Breakaway“ veröffentlichte – staunten Journalisten regelmäßig über die Unprätentiösität der ehemaligen Cocktailkellnerin aus Texas. Sie ist das typische Mädchen von nebenan, „warm wie ein Popover“ und „sicher wie Milch“. Sicher, sie hat eine vielschichtige, phänomenale Stimme – eine, die glücklich macht, dass sie Aretha oder Whitney covert, anstatt sich zu schämen, dass sie es versuchte – aber sie ist nicht offen sexy, protzig oder hip. Sie geht nicht zu wilden Partys, die von Justin Timberlake geschmissen werden. Ihr persönlicher Assistent ist ihr Bruder. Sie sagt immer noch sehr ernsthaft „cool beans“. Mit anderen Worten, sie ist nicht Britney oder Christina – Stars, deren promiskuitives Image und Massenmarktglanz in der öffentlichen Wahrnehmung Anfang der 2000er Jahre zum Gegenstand eines unaufhörlichen Medienschwarms gemacht hatten.

Dabei wurde die erste Single „Miss Independent“ von Kelly Clarkson’s „Thankful“ von keiner anderen als Christina Aguilera mitgeschrieben und gab den Ton für ein überwiegend R&B-orientiertes Debüt an. Es ist also bezeichnend, dass der Titeltrack von Clarkson’s zweitem Werk von einer ganz anderen Art von Starlet mitgeschrieben wurde: Punk-Pop-Prinzessin Avril Lavigne. In einem entschiedenen Versuch, sich von der American Idol-Vorlage „zu lösen“, geht Clarkson mit „Breakaway“ in eine kantigere, rockigere Richtung. Zu diesem Zweck rekrutierte Clarkson die ehemaligen Evanescence-Mitglieder Ben Moody und David Hodges, um beim Schreiben und Produzieren zu helfen. Irgendwie funktioniert dieser Stil für Clarkson: Sie kommt mehr von Avril als Ashlee, besonders im besten Moment des Albums, dem Titeltrack. Leider ist Clarkson noch nicht bereit, diesen neuen Sound zu kontrollieren. 

Auf dem von Max Martin verfassten „Since U Been Gone“ beschwört sie Erinnerungen an Abba herauf, und auf „Hear Me“ kanalisiert sie Pat Benatar. Man kann nicht anders, als sich zu fragen: Wer ist die echte Kelly Clarkson?

7.0