Julien Baker – Turn Out The Lights

Indie Pop, VÖ: Oktober 2017
Das erste Album der Songwriterin JULIEN BAKER aus Tennessee auf Matador ringt mit vielen der gleichen Dämonen, die ihr schauriges Debüt Sprained Ankle im Jahr 2015 bevölkerten.

Als Julien Baker „Sprained Ankle“ veröffentlichte, machten die spärlichen Arrangements und der unbeirrbarer Blick auf Drogenmissbrauch, Depressionen und Glauben es zu einem der kathartischsten Hörerlebnisse seit Jahren. „Turn Out the Lights“ gräbt tiefer, erforscht ihren Schmerz auf immer einfühlsamere Weise und erweitert ihre musikalische Palette entsprechend. Diese Songs sind subtil und konzentrieren sich auf Baker’s Stimme und ihr Gitarren-/Klavierspiel. Aber einige orchestrale Berührungen und Harmonien geben den Tracks mehr Raum zum Atmen, Steigen und Fallen. „Turn Out the Lights“ beginnt mit dem Knarren einer alten Tür und einem eindringlichen Streicher- und Piano-Instrumental, das uns zu „Appointments“ führt, das uns dann mit klingenden Gitarrenlinien begrüßt, bevor Schichten von Julien Baker’s wunderschöner Stimme den Raum mit Melodie füllen. Die Eröffnungssequenz ist bezeichnend für den raffinierten Sound, den die Singer-Songwriterin aus Tennessee auf ihrem zweiten Album erreicht hat.

Baker’s Texte bleiben so roh wie eh und je und beschreiben lebhaft die Verzweiflung, die sowohl weltlich als auch existentiell ist. Zu lernen, mit nicht reparierten Löchern in der Trockenbauwand zu leben („Turn Out the Lights“), zu Treffen von Genesungsgruppen zu erscheinen („Happy to Be Here“) und sich anzuschnallen („Hurt Less“) dienen als banale Metaphern für Selbst- Fürsorge – ein Konzept, das in Zeiten einer psychischen Erkrankung monumental entmutigend wirken kann. Jenseits der alltäglichen Selbsterhaltung geht die Platte auch Fragen nach dem Gesamtbild nach. Wir hören, wie Baker, eine gläubige Christin, in Momenten der Dunkelheit am Glauben zweifelt – ob es darum geht, einen fehlerhaften Schöpfer bei „Happy to Be Here“ herauszufordern oder ihre eigene moralische Haltung bei „Even“ zu hinterfragen.

Baker’s Gesang und fein gezupfte Moll-Gitarrenakkorde haben eine ausgeprägte ätherische Qualität, die dazu beitragen, ein rohes und intimes Porträt junger Liebe und Jugend zu zeichnen. Tracks wie „Televangelist“ mit seinem epischen orgelgesprenkelten Ausgang und der skurrilen Lyrik von „Happy to Be Here“ sorgen für brillant zarte Momente in einer Platte, die so leicht wie eine Feder fällt. Über den Verlauf eines kompletten Albums gestreckt, kann solch eine kleine Abweichung von den eingefahrenen Songstrukturen jedoch zu einem allzu einfachen und fast ermüdenden Hören führen. Was nicht von den sorgfältig kuratierten Texten von „Turn Out The Lights“ ablenken soll, einer Platte, die vor künstlerischer Emotion und verletzlicher Belastbarkeit strotzt.

8.1