Julia Holter – Have You in My Wilderness

Indie Pop, VÖ: September 2015
HAVE YOU IN MY WILDERNESS ist ein faszinierendes, fesselndes Hörerlebnis. Wie bei ihren früheren Werken, allen voran Loud City Song aus dem Jahr 2013, ist die Musik von JULIA HOLTER voller Ideen, aber dieses Mal steht ihr Gesang stärker im Fokus.

Bei der Veröffentlichung ihres 2011 erschienenen Albums „Tragedy“ wurde Julia Holter als eine der innovativsten Avantgarde-Elektronikkünstlerinnen überhaupt gelobt. Obwohl sie das Lob, das sie erhielt, eindeutig verdient hatte, war die Kategorisierung ungenau. Sie nahm „Tradedy“ hauptsächlich mit elektronischer Instrumentierung auf, tat dies jedoch nur aus der Not heraus – als junge Künstlerin fehlten ihr die Mittel, um die Session-Musiker zu engagieren, die einen Großteil ihrer späteren Arbeit prägen würden. Ihr nächstes Album „Ekstasis“ aus dem Jahr 2012, fügte üppige Streicharrangements und Free-Jazz-Bläserlinien hinzu und behielt nur gelegentlich elektronische Elemente bei. 

Mit ihrem Meisterwerk „Loud City Song“ aus dem Jahr 2013 legte Holter offenkundige elektronische Einflüsse zugunsten von Elementen klassischer Komposition und Kunstmusik des 20. Jahrhunderts sowie Texten ab, die eher nach modernistischer Prosa als nach Poptexten klingen, und untermauerte damit ihren Anspruch als vielleicht kühnste und originellste Künstlerin überhaupt in diesen Tagen. Und jetzt, mit „Have You in My Wilderness“ hat sie ein weiteres unerwartetes Element in den Mix eingebracht – die Struktur von Popsongs. „Feel You“, die erste Single sowie der erste Titel des Albums, bietet eine perfekte Einführung.

Eine kurze, ansteigende Cembalolinie, und dann plötzlich ihre Stimme, zwei Töne, wortlos, wie eine Pfeife. Die Streicher schwellen an, eine stotternde Trommellinie und dann… Pop-Perfektion. Die zweite Single des Albums, das wunderschöne „Sea Calls Me Home“, bringt das Cembalo zurück, um den wahrscheinlich großartigsten Refrain zu unterstreichen, den Holter je geschrieben hat. Trotz des luftigen, poppigen Feelings der Singles sind die Refrains nicht so unmittelbar wie die auf den ohrwurmlastigen „Ekstasis“ oder „Loud City Song“. Aber in lockereren, durchkomponierten Liedern wie der sinnlichen Fackelballade „Night Song“ und dem von Jazz-Fusion geprägten „Vasquez“ findet Holter andere, tiefere Wege, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln.

Tatsächlich scheinen die Melodien auf „Have You in My Wilderness“ aus Holter zu sprudeln, wie es früher anspruchsvolle CD-Rs und Kassetten in limitierter Auflage auf kleinen experimentellen Labels taten. Sie sind selbst in den undurchsichtigsten Momenten präsent, wie zum Beispiel in den langatmigen „Betsy on the Roof“, einem Titel, der zunächst sowohl an Air als auch an The Blue Nile erinnert, bevor er in die Abstraktion zerfällt: treibende Streicher und Elektronik, klappernde Trommeln und krachendes Saxophon. „Have You In My Wilderness“ umfasst eher das Spezifische als das Ewige, und in ihrem engen Fokus spürt man ein spürbares Selbstbewusstsein und eine hart erkämpfte Präzision.

8.7