Joan Shelley – Electric Ursa

Country/Folk, September 2014
Intim, warm und gefühlvoll enthält das neue Album von JOAN SHELLEY acht eindrucksvolle Originalsongs.

Auf dem herausragenden und kleinen „Electric Ursa“, ihrem dritten Album, lässt die Sängerin aus Kentucky Präpositionen ohne Objekt hängen, steckt Substantive in lebhafte verblose Cluster und bevorzugt Pronomen, die mit wenig klarer Bedeutung verweilen. „Electric Ursa“ enthält nur acht Tracks und summt zu einfachen Melodien über Banjo, Klavier und Sammeltrommeln, als würde sie mit Hilfe eines ländlichen Kammerensembles ein Kind in den Schlaf singen. „First of August“ kann bis auf die Knochen traurig oder einfach nur schön sein. Die Emotionen, die es hervorruft, verbinden sich an den Rändern. Die Entscheidung fällt schwer, auf welcher Ebene der Abschied stattfindet. “Mama knows you gotta go, son/Sister’s gonna miss you when you go.” An den letzten drei Wörtern wird sanft gezogen. Ist das ein umhüllender, trauernder Abschied oder ist es ein bittersüßes Weitergehen?

Es ist diese unklare Mehrdeutigkeit, die den Schlüssel zu „Electric Ursa“ enthält. Joan Shelley malt ihre Worte auf diese Melodien und die Musik verlangsamt sich. Diese lang beschattete Sommerabendstille lässt uns innehalten. Aber gerade als wir anfangen, unseren Sinnen zu vertrauen und ihre Worte für den Schmerz verantwortlich machen, den wir entwickelt haben, wird „Remedios“ vor unseren Ohren gespielt. Die Worte werden durch ein geistesabwesendes Summen ersetzt. Banjos polstern es, sanfte Percussion erden es. Das Abendlicht erlaubte Robert Louis Stevenson, Kinderverse darauf zu schreiben. Und obwohl einige Arrangements recht dicht sind, bleiben ihre reine Stimme und ihre mit Fingern gezupfte Akustikgitarre das Rückgrat aller acht Tracks. Ihr spärlicher Sound erinnert manchmal an den englischen Folk der 1970er Jahre, aber der größte Einfluss ist die neue Folkmusik aus Kentucky, inspiriert von Daniel Martin Moore.

Wenn es bei „Ginko“ um Opfer ging, geht es „Electric Ursa“ mehr um das Gegenteil. Es geht nicht darum, sich selbst zu verlieren, sondern sich selbst zu finden in kleinen Momenten und kleinen Freuden, sei es die gute Laune guter Freunde oder das sanfte Zupfen eines alten Banjos. „Electric Ursa“ ist nicht Shelley’s Debüt, aber es ist ihre absolute Ankunft.

7.9