Jessy Lanza – Pull My Hair Back

Electronic, VÖ: September 2013
Die kanadische Künstlerin JESSY LANZA ist der DNA von R&B/Electro entsprungen, aufgetaut und glasgeblasen in einen langsamen, weitläufigen Tanz des unbeschwerten Lebens des 30. Jahrhunderts.

Die Geschichte hinter Jessy Lanza’s Debütalbum „Pull My Hair Back“ grenzt an einen musikalischen Kismet. Das Album wurde von Jeremy Greenspan der Junior Boys co-produziert, und jeder, der mit diesem Duo vertraut ist, wird sofort erkennen, warum er der ideale Kandidat für Lanza’s immersiven, oft schrägen elektronischen Pop ist. Greenspan war von Lanza’s ausgeprägtem Sinn für Musikalität und insbesondere von ihrem Händchen für samtene R&B-Melodien beeindruckt. Es ist diese scheinbar mühelose Rückeroberung ihrer Lieblings-R&B-Grundlagen, die die manchmal sehr diffusen, fast skelettartigen Herangehensweisen an die Popmusik auf „Pull My Hair Back“ verstärkt. 

Das Album hat in jedem seiner neun Tracks eine unglaubliche Räumlichkeit, die typischerweise von einem von Greenspan’s Twilight-Arpeggios oder häufiger von der schlauen Kraft von Lanza’s Gesang verankert wird. Ihre Darbietung ist beruhigend und geduldig – es ist eine klassisch geneigte Art von Mesmerismus. Während des gesamten Albums gibt es ein Wechselspiel zwischen einem offensichtlichen Sinn für R&B-Songcraft und den offeneren klanglichen Erkundungen des Duos. Der Titeltrack ist sowohl äußerst sexy als auch streng kontrolliert, während „Keep Moving“ ein einfacher, direkter und kraftvoller Aufruf zum Handeln ist. Es hält, was es verspricht.

Während diese Tracks die denkwürdigsten und aufregendsten Momente des Albums sein mögen, zeigt die Kreation von Lanza und Greenspan vielleicht in ihren verborgeneren Ecken ihre wahre Radikalität. Der seltsamste Moment ist die strenge, mysteriöse „Kathy Lee“, eine eisige, stringente Schöpfung, die sich weigert, sich durch irgendein vorhersehbares Crescendo aufzubauen. „Fuck Diamond“ hat eine betörende Offenheit (nicht nur im Titel), sein strenger Four-to-the-Floor-Groove wird gelegentlich von synkopierten Klatschgeräuschen und bemerkenswert warmen, geschmeidigen Akkordwechseln durchdrungen. 

Schließlich arbeitet sich eine dunklere, hedonistisch klingende Basslinie durch und überwiegt. Es ist durch und durch immersive, disziplinierte Musik. Wo Kelela ätherisch und entspannt ist, ist Jessy Lanza auf ihrem Debütalbum schwül und feuchtkalt. Die Kanadierin bewegt sich mit Zielstrebigkeit und Autorität in und um die Rhythmen auf diesem Album, das an manchen Stellen explizit auf Timbaland’s scheue Produktion hinweist. Lanza ist eine direktere Sängerin als Kelela, aber ihre Aaliyah-Anleihen kommen in der Süße ihrer Stimme – selbst wenn sie mitten im Geschehen ist, klingt sie wie ein Traum.

8.7