Illuminati Hotties – Let Me Do One More

Indie RockRock, Oktober 2021
LET ME DO ONE MORE ist das erste Album von ILLUMINATI HOTTIES auf eigenem Label. Jetzt, mit der Kontrolle über ihre eigenen künstlerischen Unternehmungen, scheint es, als würde Ihr ungeschliffenes Talent ihre Vision endlich einholen.

Wäre er nicht mitten im Herbst erschienen, hätte der Eröffnungstrack „Pool Hopping“ des neuen Albums „Let Me Do One More“ mit seinen vielen Hooks, bissigen Gitarren, knackigen Harmonien und kantigem Push und Pull eine gute Chance, der Song des Sommers zu werden – permanent hüpfend zwischen sonniger Hochstimmung und Beziehungsunsicherheiten. Der Kreativität tut dieser Umstand natürlich keinen Abbruch. Sarah Tudzin scheint unermüdlich daran interessiert zu sein, das von ihr geprägte Subgenre „Tenderpunk“ zu perfektionieren und ein Album zu schaffen, auf das es sich zu warten lohnt. Nach dem Erfolg ihres Debüts „Kiss Yr Frenemies“ bastelten sie und ihre Band mühsam an ihrem Nachfolger, bis die Beziehungen zu ihrem Label bröckelten. illuminati hotties hatten einen Vertrag über die Veröffentlichung eines Albums ohne die gewünschte Infrastruktur und auf sehr punkige Weise veröffentlichten sie daraufhin das Überraschungsalbum „Free I.H.: This Is Not The One You’ve Been Waiting For“. Tudzin weiß genau, was sie will, und mit jedem Album kommt sie ihrem Endziel näher.

Die größte Attraktion bleibt dabei Tudzin selbst. Sie ist ausnahmslos dynamisch und magnetisch, egal ob sie Indie-Punk-Knaller liefert oder ihre Seele in krassen, verletzlichen Momenten entblößt. Es ist der „Tenderpunk“-Widerspruch, der im Zentrum ihrer Musik steht, zwischen den Welten des sonnigen Surfrocks von „Pool Hopping“ und den wunderschön ungeschliffenen Bekenntnissen des letzten Tracks „Growth“. Tudzin schrieb die Songs, spielte die meisten Instrumente, kümmerte sich um den Gesang und produzierte und komponierte den ganzen Kram – ihr musikalischer Instinkt hat sie dabei nie im Stich gelassen. Tudzin greift in „Let Me Do One More“ gewichtige Themen auf. Wie der Titel des herausragenden Tracks „Threatening Each Other re: Capitalism“ andeutet, untersucht Tudzin die Beziehung zwischen Konsumismus, Kunstfertigkeit und psychischer Gesundheit in unserer spezifischen Art des Kapitalismus. 

Auf einem Album mit mehreren glühenden Punk Tracks, die Tudzin’s Wut perfekt zum Ausdruck bringen, ist auf „Threatening Each Other re: Capitalism“ keine Wut zu finden. Stattdessen trauert Tudzin leise und beklagt sich elegant über die Malaise des modernen Kapitalismus und die Art und Weise, wie unsere persönlichen Beziehungen keine Macht über die Flut des Konsums haben. An anderer Stelle malen Tudzin’s rätselhafte Texte faszinierende Bilder, darunter Verweise auf Eis, süße Teiggebäcke, Tortillas und Frühstück zum Mitnehmen; „Kickflip“ zeigt, wie Tudzin „the grocery store brand“ kauft und „slam a Topo Chico,“, bevor sie bemerkt, dass sie „can’t believe you saw that time I landed a kickflip.” Und so geht es weiter, wobei Tudzin tadellos produzierte Riffs mit strahlenden melancholischen Träumereien in markante neue Richtungen balanciert. Da Tudzin mit jeder Veröffentlichung ihr Text- und Produktionsgeschick verbessert, ist es offensichtlich, dass sie den Weg, an dem sie so fleißig gearbeitet hat, weiter ebnen wird.

9.4