Hana Vu – Romanticism

Indie Rock, VÖ: Mai 2024
ROMANTICISM ist ein üppiges Beispiel dafür, wie aufregend es sein kann, unsere Gefühle direkt anzuschauen, ihre Sorgen und ihr Lob zu besingen. Unter dem magnetischen Blick von HANA VU hat es sich noch nie so lebendig angefühlt, Traurigkeit aufzusaugen.

Durch die Mischung aus Operntheatralik und Dark-Pop-Mod ist ihre Stimme klangvoller denn je, egal, ob sie Zurückhaltung übt oder in hemmungslose Wut ausbricht. Hana Vu stellt philosophische Fragen und lässt ihrer Angst freien Lauf und schwelgt in Hooks, die sich wie ein schwüler Juliabend voller Glühwürmchen entfalten. „Romantiscm“ entfaltet sich wie ihr letztes Album „Public Storage“ inmitten auffälliger Paradoxien. Auf „Hammer“ zum Beispiel klingt Vu wie jemand, die vorzeitig unter chronischer Müdigkeit leidet. „And there is no answer / but I want one anyway“, klagt Vu. Für Pop gibt es hier ein Gefühl von Distanz und Selbstmarginalisierung, das ungewöhnlich ist. Und doch schimmern Vu’s Melodielinien und gipfeln in einem kathartischen Refrain, der PJ Harvey, Taylor Swift, Katy Perry und Soccer Mommy gleichermaßen ein breites Grinsen entlocken würde.

In ähnlicher Weise handeln eingängigere, mitreißendere Songs wie der schwindelerregende Indie-Rocker „Alone“, der schwankende Midtempo-Höhepunkt „Care“ und der schimmernde, pulsierende Post-Punk-Track „Play“ abwechselnd von Verlassenheit, Spielen und Verlieren und dem Versuch, Frieden zu finden, indem man entscheidet, dass „It’s okay that no one cares about you/And no one cares about me/’Cause what is care anyway?/I don’t know who’s to say.“ „How It Goes“ bietet eine Pause vom Grunge mit einer eher folkinspirierten Konstruktion. Unterdessen manipuliert „Find Me Under the Wilted Trees“ mühelos den Tears For Fears-Klassiker „Everybody Wants To Rule The World“ mit einem deutlich düstereren „Welcome to your life…“. Es ist eine mühelos coole Einführung in die zweite Hälfte des Albums, die sich in den Grunge der Nullerjahre verwandelt.

„Romanticism“ endet mit dem ausschweifenden, explosiven „Love“, das mit „I guess this is love/I don’t know what to say/I don’t know how to stop“ den Schlusspunkt setzt. Mit „Romanticism“ übertrifft Vu die bemerkenswerten Spannungen von „Public Storage“ – zugleich bekennend und ablenkend, selbstbeherrscht und dissoziativ, direkt und schwer fassbar. Vu ist die Tochter des TikTok-Radios und des Gothic-Gedichts, der Respektlosigkeit der Trump-Ära und der Identitätsfluidität. Sie spricht über die Auswirkungen der Konditionierung und das Schreckgespenst der Sinnlosigkeit. Dennoch ist Vu keine komplette Nihilistin; die Hoffnung bleibt wie eine unterschwellige Präsenz bestehen. Vu, oder zumindest ihre Persona, steht an der Schnittstelle von Verzweiflung und Erleuchtung.

7.9