Halsey – If I Can’t Have Love, I Want Power

PopRock, VÖ: August 2021
HALSEY behält die volle Kontrolle über dieses filmische Konzeptalbum und reduziert Allstars wie Lindsey Buckingham, Dave Grohl, Pino Palladin, Kerriem Riggins und Dave Sitek zu bloßen Studiogästen. HALSEY macht mit diesem bahnbrechenden Opus einen großen Sprung nach vorne, eine Offenbarung, die endlich ihre authentischste Darstellung ihres Selbst präsentiert.

Hier werden bisher im Geheimen gelebte Leidenschaften endlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Zusammen mit Trent Reznor und Atticus Ross packt Halsey ein Leben voller Emotionen in eine tickende Zeitbombe aus Angst, die durch die unverwechselbare Produktion des Nine Inch Nails-Duos gepuffert wird, die Halsey’s Launen geschickt bedienen – und nicht nur die ihrigen, sondern auch berühmten Gesichtern aus der NIN-Umlaufbahn. Als das Projekt zum ersten Mal angekündigt wurde, schien die Kombination aus Global-Pop-Star-plus-Industrie-Zauberern etwas unpassend. Es ist ihnen jedoch gelungen, das Beste des jeweils anderen herauszuholen, wobei Reznor und Ross die Bühne für Halsey bereiten, um sich endlich ihrer alternativen Rockseite hinzugeben, und Halsey gibt den Jungs eine Ausrede, um ihre Mainstream-Pop-Favoriten zu spielen.

Von den 13 Songs auf der Standard-Edition des neuen Albums überschreitet dabei nur einer vier Minuten und fünf sind unter drei – nicht viel Zeit, um die Art von finsterer Grundstimmung aufzubauen, für die Nine inch Nails bekannt sind. Irgendwie schaffen sie es aber – in höchst fesselnden Songs, die ein bisschen Pop Punk, ein bisschen Progressive sind – mit einer nachhaltigen Ökonomie durch dieses Schaufenster zu gehen und dabei das Album nie in einem Hit-and-Run-High-Drama stecken zu lassen. Sie operieren nach der guten alten Maxime des Showbusiness: Die Lust nach mehr zu wecken. Auf „If I Can’t Have Love, I Want Power“ gibt es Romantik, Traurigkeit und jede Menge Markenzeichen, aber einige der besten Momente des Albums sind die intimsten. Beim elegischen Abschluss „Ya’aburnee“ flüstert sie beinahe: “Your beauty is a blessing/ And I never got to tell you/ How I love the way my eyes make yours look green, too.”

An anderer Stelle entfalten sich die Texte wie Poesie. Sie glänzt auf dem sanften „Darling“, dem akustischsten Track des Albums, der mit Gitarre von Lindsey Buckingham ausgestattet ist. “Foolish men have tried/ But only you have shown me how to love being alive”. Durchgehend sind Halsey’s Texte, die patriarchale Erwartungen, Körperautonomie und ihre sich entwickelnde Identität untersuchen, hart, selbst wenn sie irgendwie geheimnisvoll sind. “Picket fences, filе taxes / Who the hell is in your bed? You better kiss goodnight and give some head,” singt sie brillierend auf „You Asked for This“. Unmittelbare Momente fühlen sich an wie Lichtsplitter, die in einer Höhle von Halsey’s wirbelnden Gedanken reflektiert werden. Es versteht sich fast von selbst, dass dieses Album höllisch intensiv ist und nicht gerade die Entspannung fördert. Es ist am Ende auch eine komplizierte und endlos überzeugende künstlerische Aussage, die nur Halsey hätte machen können.

9.4