Grace Cummings – Storm Queen

Country/Folk, Januar 2022
Das erste auffällige an GRACE CUMMINGS ist, dass ihre Musik so gut wie nicht klassifizierbar ist. Manche mögen es Folk nennen, aber diese Songs haben etwas, das zutiefst beunruhigend und unbehaglich sein kann.

Es war diese Stimme, die ihre Version von Bob Dylan’s „It’s All Over Now Baby Blue“ zu einer Art viralem Phänomen machte und die Aufmerksamkeit des Labels Flightless Records auf sich zog. Ein Debütalbum folgte bald und jetzt, etwas mehr als zwei Jahre später, haben wir den Nachfolger und damit eine der markantesten australischen Stimmen ihrer Generation zurück – mit mehr Vertrauen in ihre Kunst als je zuvor. „Storm Queen“ übt eine äußerst rohe Kraft aus, ähnlich der, die durch die Arbeit von Joan Baez, Nina Simone und sogar Katell Keineg fließt, sowie durch die neueren Werke von Anna B. Savage. Auf den Album-Highlights „Raglan“ und „Heaven“ finden sich auch Anspielungen auf die Folk-inspirierten Momente des 70er-Rocks, insbesondere die Klänge von Led Zeppelin.

In der furiosen Folk-Nummer „Up In Flames“ bezieht sie sich sowohl auf die Buschbrände von 2019 als auch auf den Einsturz der Kathedrale Notre-Dame de Paris im April desselben Jahres. Bei diesem Song erinnert Cummings’ gutturales, abgehacktes Knurren an einen betrunkenen Prediger oder eine übertrieben theatralische Aufführung von Shakespeare. Es veranschaulicht die Darbietung auf einigen Tracks, die sich ablenkend und manchmal sogar entfremdend anfühlen. Aber auf „Freak“ ist Cummings‘ Stimme wunderschön, erhebt sich majestätisch und offen in einem tiefen, erdigen Zustand. Sie ist eine poetische Songwriterin, die in der Lage ist, biblische und literarische Referenzen in fesselnde Monologe zu kanalisieren.

Der Titeltrack „Storm Queen“ ist ein glorreicher Höhepunkt; Cummings klingt emotional erschöpft und gibt sich der romantischen, ausladenden Akustikgitarre hin, die sich harmonisch mit dem klagenden Baritonsaxophon und Cahill Kelly’s Klavier vereint. Es ist atemberaubend. Cummings kanalisiert hier Patti Smith’s fiebrigen, poetischen Gesang, wie sie es während des gesamten Albums tut, aber am offensichtlichsten und wohlwollendsten bei diesem Song. Am Ende quietscht das Saxophon, als würde es auf den Rand einer Klippe getrieben. Das Album endet mit dem weitläufigen „Fly A Kite“, obwohl es auf Akustikgitarre reduziert ist. 

Die Unermesslichkeit von Cummings‘ großer, mutiger, romantischer Stimme passt zum lyrischen Thema: ein Adler, der frei und ungebunden in den offenen, unendlichen Himmel fliegt. Zu ihr gesellt sich Miles Brown am Theremin, einer von mehreren Gastkünstlern und wunderbaren Talenten auf dem Album, darunter Kat Mear an der Geige und Harry Cooper am Saxophon. Cummings bewegt sich während den 42 Minuten Spielzeit meisterhaft auf der Grenze zwischen Dramatik und Einfachheit und vermittelt Spannung und Dunkelheit mit einer bemerkenswerten Sanftheit.

8.0