FLETCHER – Girl Of My Dreams

Pop, September 2022
GIRL OF MY DREAMS festigt ihre Position als mehr als nur eine queere Künstlerin und verkörpert mit diesem Manifest der Selbstbefreiung und Selbstliebe alles, was FLETCHER erreichen wollte.

Der hektische Opener „Sting“ nimmt sofort Bezug auf „THE S(EX) TAPES“, der EP aus dem Jahr 2020, die in Zusammenarbeit mit ihrer Muse entstand: der fraglichen Ex, mit der sich FLETCHER in Quarantäne begeben hatte. Offensichtlich immer noch eine frische Wunde, gibt es auf dem gesamten Album Hinweise auf diese Beziehung, einschließlich der traurigen Spekulationen von „Birthday Girl“ und der chaotischen Katharsis von „Becky’s So Hot“. Die neue Freundin Ihrer Ex so öffentlich zu nennen, ist definitiv chaotisch, passt aber zu FLETCHER’s Mission, “the most honest, raw, and complete representation of the complex and sensitive-ass Pisces that I’ve always been.” FLETCHER, geboren als Cari Fletcher in Asbury Park, New Jersey, hat seit der Veröffentlichung ihrer allerersten Single „War Paint“ im Jahr 2015 virale Hits gesammelt. Sie fühlte sich schon immer zu den nuancierten, sogar hässlichen Emotionen hingezogen, die Menschen eher zurückhalten. Dieser Karten-auf-dem-Tisch-Ansatz mag Kontroversen hervorrufen, bringt aber auch ein Publikum, das ihre Authentizität liebt. 

“As a society, there’s so much we’re told to silence and push down,” sagt sie. “That’s led to so much pain in my life. To be able to talk about those feelings and put them out in the open has been the most cathartic thing for me.” Ihr Debüt – eine schimmernde Platte in Stadiongröße mit messerscharfen Pop-Instinkten – folgt diesem Beispiel und zeichnet die Reise der 28-Jährigen auf, während sie die Scherben ihrer vergangenen Beziehungen aufhebt. Die Hits hier sprühen vor Lebendigkeit und brennender Direktheit. Aufbauend auf ihren früheren gefeierten EPs, aber mit allem, was jetzt auf die Spitze getrieben wird, sind Knaller wie „Becky’s So Hot“ und „Her Body Is Bible“ offensichtliche Highlights, aber die wahren Herzschmerz-Momente sind, wenn die kühne, super selbstbewusste Fassade von Fletcher einer verletzlicheren und zärtlicheren Seite auf dem herzlichen „Better Version“ und dem mitreißenden Crescendo des Albums „For Cari“ weicht.

Nach einem langen, harten Blick in den Spiegel bei „Conversations“ entscheidet FLETCHER, dass sie vielleicht nicht das Problem bei „Serial Heartbreaker“ ist. Von diesem Punkt an ist FLETCHER bereit, wieder zu lieben und verschwendet keine weitere Zeit. In den letzten Momenten des Albums findet FLETCHER endlich die Liebe, nach der sie gesucht hat. Diesmal gibt es das Gefühl, dass es wirklich von Dauer ist. „I Love You, Bitch“ und „For Cari“ zeigen die Sängerin Hals über Kopf verliebt. Der Unterschied besteht jetzt darin, dass die Sängerin Liebeslieder für sich selbst schreibt. FLETCHER wird für immer die Königin der lesbischen Herzschmerz-Hymnen sein, aber das letzte Gefühl auf ihrem Debütalbum ist, dass sie genug von Liebeskummer hat.

7.9