Faye Webster – Underdressed at the Symphony

Indie Pop, VÖ: März 2024
FAYE WEBSTER gibt sich nicht damit zufrieden, an ein bestimmtes Genre, einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Stimmung gebunden zu sein, sondern genießt auf ihrem neuen Album das Unbehagen, das Gefühl zu haben, nicht dazuzugehören.

Auf „Underdressed at the Symphony“ steht die Zeile, nach der die Platte benannt ist, vielleicht im polarsten Gegenkontext: der makellose vorletzte Titel des Albums, in dem Webster in Zweifeln schwimmt, während sie von einer Trennung erschüttert wird. „I’m underdressed at the symphony“, singt sie mit ihrem charakteristischen schmollenden Klang und geht in eine kurze Pause über, gefolgt von einem übertriebenen Orchesterschwung voller Disney-Filmstreicher: „Crying to the songs / That you put me on.“ In vielerlei Hinsicht bildet das Oszillieren zwischen diesen Zuständen wandernder Neugier und hart erkämpfter Gewissheit den Kern jeder Platte von Faye Webster, und „Underdressed at the Symphony“ bildet da keine Ausnahme. Webster weiß, was sie tut (das schnulzige, flüchtige „Wanna Quit All the Time“), wer sie ist (das mäandrierende, verspielte „eBay Purchase History“), was sie will und braucht (das Start-Stopp-Ruckeln von „Lego Ring“) und wie sie sich fühlt (das Zirpen von „Feeling Good Today“).

Diese beiden letztgenannten Zustände der Gewissheit gehen einher mit aufeinanderfolgenden, halbwegs unbeholfenen Autotune-Experimenten, bei denen es weniger darum geht, ihre Ernsthaftigkeit zu kompensieren, als vielmehr darum, die Autorität ihrer Gefühle zu untergraben. „The record feels like a mouthful to me“, bemerkte die Singer-Songwriterin in Pressemitteilungen und fügt hinzu, dass die Single „Lego Ring“ – eine Zusammenarbeit mit der Rapperin und Psych-Rockerin (und Grundschulfreundin) Lil Yachty – ihre Chance sei für Leichtigkeit inmitten einer Sammlung, die rund um den herzzerreißenden Titelsong zusammengestellt wurde. „II’m asleep in the moment you’re holding my head/But I want to remember I’ll sleep when I’m dead“, murmelt Webster im Eröffnungsstück „Thinking About You“. Auf diese Weise schildert sie im Laufe des Albums ihre intimsten Erfahrungen mit anderen und stellt dabei fest, dass sie nach ihnen sucht, aber nicht den Wunsch verspürt, sich voll und ganz auf sie einzulassen.

In ähnlicher Weise versetzt „But Not Kiss“ Webster, die sonst unsicher darüber sein könnte, was sie will, in eine äußerst spezifische Form der Sehnsucht: „I want to see you in my dreams but then forget/We’re meant to be but not yet/You’re all that I have but can’t get.“ Sie weiß, was sie will, auch wenn sie zwischen Verlangen und Distanziertheit schwankt. Webster liefert diese ergreifenden Enthüllungen auf „Underdressed at the Symphony“ auf die knappste und sachlichste Art und Weise, die möglich ist. Das 90-sekündige „Feeling Good Today“ zum Beispiel ist eine prägnante Darstellung von Webster’s Plänen für einen zufälligen Tag, und ihr abwechselnd gleichgültiger und melancholischer Gesang lässt die Details ihres täglichen Lebens allzu banal und nachvollziehbar erscheinen. Wenn es ein Lied gibt, das einem Leitbild für „Underdressed at the Symphony“ gleichkommt, dann ist es „Lifetime“, ein üppiger Slowburner, der Webster’s brillanten Einsatz von Raum und Phrasierung hervorhebt. 

Epiphanien werden zu Mantras, ihre Stimme beschwingt und verblasst über fachmännisch platzierten Snares und einem sanften Klavierfunkeln. Gibt es eine bessere Zusammenfassung der Launen der Liebe als das widersprüchliche „When I said I mean it / I didn’t really mean it?“ Wie der Rest des Albums liefert Webster hier keine Antworten, noch befindet sie sich auf einer epischen Reise der Heilung und Selbstfürsorge. Stattdessen entscheidet sie sich dafür, einfach nur zu leben, Herzschmerz und lächerliche Momente direkt nebeneinander zu dokumentieren, bis sie zu verschwimmen beginnen und so real werden, dass wir sie alle spüren können.

8.7