Dori Freeman – Letters Never Read

Country, VÖ: Oktober 2017
LETTERS NEVER READ von DORI FREEMAN ist das Zeichen eines ruhelosen, aufgewühlten Herzens, das sich von Ehrlichkeit, verliebter Ekstase und schmerzlich roher Not abwendet.

Die klare Morgensonne geht am Ostufer auf und ihre scharfen, unerschütterlichen Strahlen durchdringen das schlammige Wasser. Eine sternenklare Laune strömt aus den Bachbetten empor, raschelt durch die Bäume, stürzt von den Berggipfeln herab und strömt über die Landschaft. Der Bergrücken der Appalachen ragt von oben auf, wirft einen bedrohlichen und trüben Schatten und umarmt die Kultur und ihre Menschen fest. Die kühle Bergluft trifft auf makellose Melodien, eisenbahngeschweißte Musikalität und einen geräumigen, gefiederten Chor einsamer Stimmen. Die 1.500 Meilen lange Strecke mit gewundenen Gipfeln und Tälern ist das Rückgrat, und die Musik ist der schwache, aber belastbare Herzschlag.

Dori Freeman, eine Sängerin aus Galax, Virginia, einer südlichen Gemeinde mit rund 7.000 Einwohnern, nimmt diese zerbrochenen Fragmente der roten Erde in ihre Hände, streichelt sie zärtlich, fügt sie zu einem abgenutzten Mosaik zusammen und formt sie dann zu einer funkelnden, renovierten Landschaft. „Letters Never Read“ liest sich wie ein tränenüberströmter Liebesbrief: “You think if you’re moving then the world is moving, too / But there’s a million other eyes who shine the same as you / And one day, your collection of things that might have been will fall behind the light into a long, darkened den,” singt sie in „Lovers on the Run“ mit klarer Klarheit.

Das flotte, melodische „Just Say It Now“ plädiert für Ehrlichkeit gegenüber einseitiger Zuneigung. Sie vertritt eine angeschlagene Art von Romantik, voller zarter, betörender Melodien, raffinierter Arrangements und Texte, die zwischen der Hoffnung auf dauerhafte Süße und der Vorbereitung auf Enttäuschung schwanken. Wenn Freeman in „Make You My Own“ extreme Treuegelübde ablegt („I would lay down my soul at your feet / I’d need never to drink or to eat / I would know not the smallest defeat“), fleht sie um Zärtlichkeit In „Turtle Dove“ oder weist diese in „That’s Alright“ einen unzuverlässigen Liebhaber mit kühler Entschlossenheit zurück.

Dori hat geschafft, was allen Wahrscheinlichkeiten nach nahezu unmöglich ist: Sie hat eine Karriere rund um das Spielen antiquierter Musik aus den Appalachen mit einer modernen, originellen Perspektive aufgebaut und damit die Vorstellung widerlegt, dass es keinen Appetit auf ältere Musik und keine Aussichten für Künstlerinnen gibt, die keine Kompromisse gegenüber der Musikindustrie und deren autokratische Regeln eingehen wollen. Dori Freeman hat es auf ihre eigene Art und Weise und in ihrer eigenen Zeit geschafft und damit bewiesen, dass nichts die Kraft einer Stimme zurückhalten kann, die dazu bestimmt ist, gehört zu werden.

7.9