Dear Laika – Pluperfect Mind

Experimental, Dezember 2021
DEAR LAIKA ist der Spitzname der klassisch ausgebildeten Musikerin Isabelle Thorn. Als Kind in Südengland sang Thorn in Kirchenchören und hörte klassische Musik, zwei Einflüsse, die sie bis ins Erwachsenenalter begleiteten.

Heute klingt die 23-Jährige gleichermaßen inspiriert von der strengen Romantik postminimalistischer Komponisten wie John Adams und Max Richter wie von modernen Glitch-Künstlern wie Vladislav Delay und Markus Popp von Oval. Auch in ihrer Musik steckt ein Hauch von Avantgarde Pop. Nach einer Reihe von Einzelstücken und selbstveröffentlichten Alben ist „Pluperfect Mind“ Laika’s Debüt für das experimentelle Label NNA Tapes. Es ist ein ungeheuer ehrgeiziges und ausladendes Album, das sich zu einer Leinwand von ungewöhnlicher Breite collagiert.

Über diesen unbegrenzten Raum hinweg verfolgt „Pluperfect Mind“ die Art und Weise, wie das Verlangen sein Objekt verfolgt, Thorne’s eigenes sich veränderndes Selbst. Mit eleganten, schwungvollen Gesangsmelodien trianguliert Thorne das „Ich“ und das „Mich“ und das „Du“ des narrativen Songwritings in einem komplizierten Tanz. Einer eilt voraus und der andere kämpft darum, aufzuholen. Einer verliert den anderen und trauert, bis die beiden sich wieder vereinen können. „Pluperfect Mind“ verbindet elektronisches Rauschen mit akustischem Nachhall, einer klanglichen Räumlichkeit, die man typischerweise in Kathedralen findet. 

Anstatt ihre Saiten und ihr präpariertes Klavier zu verschließen, lässt sie ihre synthetischen Gesten neben ihren organischen erklingen, schwebend in einem höhlenartigen, leeren Raum. Synths, Glitches und verzerrte Samples klingen hier alle befreit, nie im Widerspruch zu ihren akustischen Gegenstücken, sondern lebendig in einer sich gegenseitig verstärkender Symbiose; sie wachsen zusammen, bis der Unterschied ihrer Herkunft belanglos wird. Jede Instrumentierung eröffnet eine andere, bis das gesamte Klangfeld eine weitläufige Landschaft für Thorn’s Stimme ist.

„Guinefort’s Grave“ ist poppig und mutig, bewegt sich durch Joanna Newsom-artige Folk-Melodien, aber mit einem schneebedeckten keltischen Reichtum, der von sicherem Piano, gefühlvollen Streichern und knackigen, übersteuerten Percussions unterstützt wird. Die erste Single „Phlebotomy“ ist dagegen geisterhafter und klingt wie geistliche Musik, die durch eine YouTube-Verbindung mit geringer Bandbreite geleitet wird, bevor Dear Laika’s aufsteigende Stimme uns in den Himmel trägt. Anstatt ihre Erzählung ordentlich aufzulösen, explodieren die letzten beiden Songs des Albums vor chaotischer Schönheit, wie eine sich drehende Wetterfahne. Ein Kapitel ist abgeschlossen, aber „Pluperfect Mind“ ruht nie wirklich ganz.

9.0