Christina Aguilera – Bionic

R&B, Juni 2010
CHRISTINA AGUILERA spielt nicht mit den Erwartungen, sondern agiert einfach als natürliche Diva und ist dafür als Persönlichkeit umso überzeugender.

Diese triumphale Selbstbeherrschung ist für Christina Aguilera so selbstverständlich, dass es schwer ist, sich nicht zu wünschen, dass sie während „Bionic“ so kühn gehandelt hat und die Gesamtheit der Platte so deutlich seltsam wie ihre besten Momente erscheinen lässt. Ehrlich gesagt lässt die Deluxe-Edition von „Bionic“ erahnen, was das Album hätte sein können: Ergänzt wird es durch vier Bonussongs, die wild phantasievoll sind, sei es das klappernde, singende „Bobblehead“, der coole Synth-Gleitflug von „Birds of Prey“, der perfekte New-Wave-Pop von „Monday Morning“ oder Sia’s trauriger Ballade „Stronger Than Ever“. An ihrer Stelle auf dem eigentlichen Album sind kompetente, relativ farblose Cluboden an Mode, Fabelwesen und Perry’s langweiliges „Lift Me Up“ – Songs, die mit Aguilera’s Persönlichkeit spielen, ohne sie zu bevölkern.

Deshalb der konzentrierte Blick zurück auf die ursprüngliche Variante des Albums und hin zu „My Girls“ – einer urkomischen Disco-Hymne, in der Aguilera es ihren neuen Riot-Grrrl-Kumpels überlässt: “My girls wear lipstick while they’re making my beats/They got guitar picks in their purses, Louboutin on their feet.” Sie macht ein Elektro-Makeover bei „Bionic“, kleidet sich in Roboter-Glamour im Gaga-Stil und dreht Auto-Tune auf. „Bionic“ begeistert phasenweise mit ihren verspieltesten Synth-Beats seit den Tagen von „Genie in a Bottle“ und den überraschend punkigen Kollaborateuren wie M.I.A., Le Tigre und Ladytron. Man könnte daher fast argumentieren, dass „Bionic“ ein kurioses postfeministisches Partyalbum ist; sicherlich strahlt die attraktive Aguilera nur sehr wenig von der Opferrolle ihrer ehemaligen Mausketeer-Kollegin Britney Spears aus. Aber das kann Christina eigentlich nur weiter nach vorne bringen.

6.6