Chastity Belt – Time to Go Home

Indie Rock, VÖ: März 2015
TIME TO GO HOME beschreitet neue persönliche und politische Wege für zeitgenössische Gothic-Musik, indem CHASTITY BELT Klischee-Nihilismus gegen proaktiv feministischen Post-Punk eintauschen.

Aufgenommen in einer dekonstruierten Kathedrale und gemischt vom legendären Wire-Gitarristen Matthew Sims, ist „Time to Go Home“ eine Reminiszenz an den Darkwave Mitte der 80er Jahre, die ihm aufgrund seiner Ähnlichkeit mit einem so spezifischen Moment im klassischen britischen New Wave eine intellektuelle Note verleiht. Mitreißende Hymnen wie „Time to Go Home“ und „Drone“ stellen Chastity Belt auf ihrem neuen Album in eine Reihe mit anderen Gothic-Revivalisten wie Cold Cave, Wax Idols oder sogar den Dum Dum Girls. Es fehlen nur noch die Synthesizer.

Ihre Klang- und Produktionsqualität hat sich seit ihrem Debüt „No Regerts“ im Jahr 2013 erheblich verbessert, was ihrer typischen Langeweile jedoch keinen Abbruch tut. Aufgrund ihres Hintergrunds, als sie an einer kleinen Hochschule für Geisteswissenschaften im pazifischen Nordwesten auf Hauspartys spielten, ist Langeweile ein wiederkehrendes Thema. Die Texte von Chastity Belt sind so kapriziös wie jeder Postgraduierte, sie reichen von krassen Erkenntnissen wie „Everything’s a joke“ bis hin zur Umgestaltung eines Zitats von Sheila Heiti für den Refrain von „Drone“.

Die Politik von „Time To Go Home“ ist eindeutig tausendjährig, was die Quelle ihrer Macht ist. Anstelle der Unfähigkeit, sich die Welt vor dem Internet vorzustellen, können sich Chastity Belt jedoch keine Welt vorstellen, in der sie nicht wegen geschlechtsspezifischer Diskriminierung die Augen verdrehen. Shapiro singt in „Cool Slut“ über das Recht der Frauen, herumzuschlafen, als wäre es selbstverständlich; als wäre es nie etwas anderes gewesen als „OK to be slutty.“ Pointierte Lässigkeit ist ein wenig erforschter Weg für junge Frauen, die sich dem patriarchalen Druck widersetzen, und „Time To Go Home“ fungiert als Taschenlampe im Wald. 

Shapiro fragt sich, ob es „cool not to care“ in „IDC“ – was für Personen ab einem bestimmten Alter für „I Don’t Care“ steht. Das Lied kommt gegen Ende des Albums und liest sich im Kontext der neun Lieder davor als rhetorisch. Vier Studentinnen, die an der Uni im Namen des Punkrocks einen Tisch umwerfen, ist uns egal. In eine Großstadt zu ziehen, drei Jahre lang unermüdlich ihr Handwerk zu verfeinern, zwei Alben zu veröffentlichen und die Botschaft, die sie von ihrem Heimatort Walla Walla in die Welt gesendet haben, zu vervierfachen, ist etwas ganz anderes.

7.7