Cat Power – Covers

PopRock, Januar 2022
CHAN MARSHALL hat für Coveralbum Künstler mit sehr markanten Stimmen ausgewählt und sie zusammen mit ihrem atmosphärischen, aber hauchdünnen Gesang eindrucksvoll verändert.

Das neue Jahr beginnt mit einem Rückblick. Während des Aufstiegs des Indie-Rock in den 00er Jahren war Cat Power (alias Chan Marshall) einer der führenden Musikerinnen, die die Flamme der Coversongs am Leben hielt. Auch wenn die Alben keine übergroße Wirkung hatten (Marshall war oft daran interessiert, ihre Versionen absichtlich abzuschwächen, die Temperatur abzukühlen und sich in den Rhythmus zu vertiefen), waren Ihre beiden Platten aus dem Jahr 2000 und 2008 brillante Vehikel für ihre Entwicklung als Künstlerin. Auch rückblickend war ihre offenherzige Herangehensweise an die Interpretation von Songs aller Art – die Mischung aus Rock, Folk, Blues, Punk und klassischem R&B – ein Vorbote für das Genre-Hopping, das in den Jahren danach zum Standard wurde.

Auch auf dem schlicht betitelten „Covers“ wählt Power ihre Songs mit tadellosem Geschmack aus. Man vermutet, dass Chan Marshall für die Überarbeitung ihrer Lieblingssongs genauso viel kreative Energie aufwendet wie für das Komponieren ihrer eigenen. „Covers“ zeugt von ihrer einzigartigen Gabe, den emotionalen Kern eines Songs zu lokalisieren, ein einfaches Motiv aus seinem Stoff zu lösen und eine völlig neue Kreation ins Leben zu rufen. Die Originalkompositionen sind allesamt sehr ehrfurchtsvoll – sie besitzen eine so persönliche Eindringlichkeit – dass es zwecklos wäre, sie einfach nachzuahmen. Es gibt immer ein neues Lied im alten, das darauf wartet, gefunden zu werden.

Für ihr Cover von „Bad Religion“ klammert sich Cat Power an das pulsierende Piano im Herzen des Songs, lässt schwerere Rock-Drums darunter fallen und schnürt den Song mit glimmenden Gitarrenlinien. In einem Interview sagte Cat Power, dass ihr Cover von „Bad Religion“ aus einer schleichenden Erschöpfung entstand, die sie verspürte, als sie während ihrer Tour ihren eigenen Song „In Your Face“ aufführte. “That song was bringing me down. So I started pulling out lyrics from ‘Bad Religion’ and singing those instead of getting super depressed. Performing covers is a very enjoyable way to do something that feels natural to me when it comes to making music.” 

Ihre Interpretation von „A Pair Of Brown Eyes“ von The Pogues ist wirklich bemerkenswert. Sie verlangsamt das Tempo, sucht nicht nach emotionaler Wirkung und lässt zu, dass das keuchende Mellotron – dessen Lunge, wie Marshall’s eigene, am Rande des Zusammenbruchs zu stehen scheint – uns den Kuss des Lebens einhaucht. Dann, wie um die Vielseitigkeit des Materials zu unterstreichen, verwandelt sie Bob Seger’s „Against The Wind“ in den weltweit ersten Boogie-Woogie-Dream-Pop, und das ist wahrlich keine leichte Aufgabe. Power scheint in der Lage zu sein, eine Essenz (eine nicht immer sofort offensichtliche) aus jeden Song, den sie covert, herauszukitzeln oder zu extrahieren und damit erneut eine Seite von sich zu zeigen, über die es zu staunen gilt und dabei hilft, sich auch mal wieder selbst in Frage zu stellen.

8.7