Billy Talent – Afraid of Heights

Alternative RockRock, Juli 2016
AFRAID OF HEIGHTS ist das bisher offenkundigste politische Statement von BILLY TALENT.

Billy Talent haben sich ihre Punk/Hardcore-Wurzeln zu eigen gemacht, meistens zum Vorteil. Sie sind scharf, schnell und wütend, mit bösartiger Gitarre und schrillem Schreien auf ganzer Linie – abgesehen von gelegentlichen Atemzügen launischer Selbstbeobachtung. Sie haben an ihren Waffen festgehalten, auch wenn ihr Publikum zu altern beginnt, und die Angst auf der Suche nach mehr Erwachsenengerichten überwunden. „Afraid of Heights“ nimmt diesen Hinweis auf und spricht ein erschreckendes, aber notwendiges Thema an, mit dem sich fast jeder reife Hörer irgendwann auseinandersetzen muss: Hingabe. Trotz funktional uneleganter Songauswahl („Big Red Gun“) und Füllmaterial („February Winds“) tauscht ein Großteil von „Afraid of Heights“ Schnellfeuer-Aggression gegen ein kalkuliertes Sperrfeuer berechtigter Angst ein (der Titeltrack „Ghost Ship of Cannibal Rats“). Das ominöse und seltsam Synth-getriebene „Horses & Chariots“ klingt irgendwie nach Muse, und in „Louder Than the DJ“ gibt es sogar eine Dosis wohlverdienten Spaßes. 

Die interessanteren Momente auf „Afraid Of Heights“ kommen, wenn die Band beginnt, sich ihrer eigenen Sterblichkeit zu stellen. Nicht nur, dass die Mitglieder von Billy Talent um die Vier-Jahrzehnt-Marke schweben, Schlagzeuger Aaron Solowoniuk – bei dem vor einem Jahrzehnt Multiple Sklerose diagnostiziert wurde – war gezwungen, die Aufnahmesitzungen für dieses Album auszusetzen, weil sich seine MS verschlimmerte. Während es bei diesen Songs keine offensichtlichen Hinweise auf den sich verschlechternden Zustand ihres Bandkollegen gibt, Bemühungen wie der Titeltrack und „Rabbit Down The Hole“ zeigen einen ausgereiften Sound und Texte, die damit zu kämpfen haben, sich von geliebten Menschen verabschieden zu müssen (und im Fall von „Rabbit Down The Hole“ ist es wegen Drogenmissbrauchs). „Afraid Of Heights“ fügt sich am Ende nahtlos in ihre Diskographie ein und ist ein Schaufenster einer Band, die hier oftmals ihre Stärken ausspielen kann.

6.9