Ann Wilson – Fierce Bliss

Mit einem erstaunlich starken neuen Album beweist ANN WILSON, dass sie selbst in ihren 70ern eine (kleine) Rock’n’Roll-Königin ist.

Ann Wilson, gerade einmal 71 Jahre alt, deren Stimme immer noch all die Kraft und Schönheit hat, die jeden klassischen Heart-Song in den 70er und 80er Jahren zum Leuchten brachte, hat mit „Fierce Bliss“ ihr drittes Soloalbum und mit Abstand das beste von ihnen veröffentlicht. Die beiden vorherigen, „Hope & Glory“ von 2007 und „Immortal“ von 2018, waren Cover-Alben, mit nur einer Originalkomposition von Wilson inmitten einer vielseitigen Mischung von Songs, die von Pink Floyd’s „Goodbye Blue Sky“ bis zu Gerry Rafferty’s „Baker Street“ reichten – einige davon wohl überlegt, andere weniger so. Aber bei „Fierce Bliss“ besteht der Kern des Albums aus Originalmaterial, ein Beweis dafür, dass die Co-Autorin von so vielen der größten Songs von Heart immer noch über das nötige Schreibkönnen verfügt, um mit dieser einzigartigen Stimme von einst Schritt halten zu können.

Auf dem Album befinden sich vier Cover, deren Auswahl von Wilson’s vielfältigen musikalischen Interessen zeugen. Eine originalgetreue Wiedergabe von Queen’s „Love of My Life“ bietet einen weiteren passenden Duettpartner aus der Country-Welt, Vince Gill. Allerdings wirkt Jeff Buckley’s trauriges „Forget Her“ trotz seines vergleichsweise spärlichen Arrangements schwülstig und übertrieben. Ironischerweise bewahrte Buckley’s dünnere Stimme das Original vor demselben Schicksal. Wilson’s Version „Missionary Man“ von den Eurythmics nimmt dem Original die ganze Frechheit und verwandelt ein lärmendes Toben in harte Arbeit. Ein Gospelchor, Händeklatschen und ein ernsthaftes Gitarrensolo können dieses nicht retten. „Fighten for Life“, ein weiterer Originaltrack, ist erfrischend in seinem metallischen Downtempo-Beat mit sowohl sumpfigen als auch urbanen Gitarrentexturen.

Der vielleicht erfrischendste Teil von „Fierce Bliss“ ist, dass Wilson auf dem Höhepunkt ihrer Kräfte operiert, während sie mit einer Mischung aus hart erarbeiteter Weisheit und trockener Belustigung auf ihre illustre Karriere zurückblickt. „Hey, an accidental hit / That’s some transcendental shit / Reach back down into the well / Recreate the magic spell,“ singt sie auf dem prahlerischen, autobiografischen „A Moment in Heaven“. „Same toy / Same lube / Same heat / Second one’s just not as sweet.“ Autsch. Eine so turbulente Karriere würde eine minderwertige Musikerin humpeln lassen, aber Wilson steht immer noch – und „Fierce Bliss“ ist nicht nur das Werk einer Überlebenden der Musikindustrie.

Der Großteil des Albums wurde in den sagenumwobenen Muscle Shoals Sound Studios in Alabama aufgenommen, und das Cover-Artwork stammt vom legendären Roger Dean. Die Songs auf „Fierce Bliss“ sind typisch für die übertriebenen Rocker und Power-Balladen, auf denen Wilson ihre Karriere aufgebaut hat und fallen gelegentlich gegenüber der Produktion ab. Und so bietet „Fierce Bliss“ auf der anderen Seite auch heißblütige Momente des Rock’n’Roll, aber insgesamt tritt es auf vertrautes Terrain zurück: zu viel Donner und nicht genug Licht.

6.9