Angèle – Nonante-Cinq

Wo Adele das Tagebuch einer bereits gemachten Trennung führt, stellt ANGÉLE einen Schmerz dar, der hörbar und fast zu sehen ist, während sie ganz nah mit Ihren Lippen an unserem Ohr hängt.

Angèle war schon einer der größten frankophonen Popstars, und dann hat sie mit Dua Lipa einen Song gemacht. Zuerst ein Bonustrack auf der Deluxe-Edition von „Future Nostalgia“, dann einige Monate später als Single veröffentlicht, „Fever“- mit Angèle – hat die 26-jährige belgische Singer-Songwriterin mehr als nur ins internationale Rampenlicht gerückt; es verkörperte die emotionale Breite, die innerhalb von Nu Disco möglich ist. Dua Lipa’s Stimme dominiert den Track und liefert selbstbewusst die erste Strophe und den Refrain; das ist ihr Lied. Aber der Höhepunkt kommt, als der tropische House-Beat einbricht und Angèle die zweite Strophe auf Französisch flüstert. Ihre luftige, sensible Stimme bildet einen kurzen, aber notwendigen Kontrapunkt zu Dua Lipa’s Kühnheit und treibt das angstbesetzte Liebeslied nach Hause.

Das ist Angèle’s Superkraft: den selbstsichersten und ansonsten fröhlichsten Dance-Tracks eine bittersüße Stimmung zu verleihen, die dem Timbre ihrer Stimme innewohnt. Ihr zweites Album „Nonante-Cinq“ verzichtet auf einige der oberflächlicheren Pop-Insignien ihres Debüts „Brol“ aus dem Jahr 2018 zugunsten von Melancholie und verwebt Herzschmerz, Nostalgie und Besorgnis in House-inspirierte Dance-Tracks und sorgfältig produzierte Piano-Balladen. Das Album pendelt zwischen sprudelndem Synth Pop und theatralischer Angst, alles mit einem einzigartigen emotionalen Faden: Liebe tut weh. Geschrieben und aufgenommen im Zuge ihrer Beziehung zu Marie Papillon, kann man sagen, dass es sich beim ersten Hören wie ein befreiendes Album nach der Trennung anfühlt. 

Während der 80er-Synth-Pop von „Libre“ sicherlich in die persönliche Reise nach der Beziehung eintaucht, kann er auch mit dem globalen Gefühl nach dem Lockdown gleichgesetzt werden. Sowohl „Pensées positives“ als auch „Taxi“ sind jedoch die direktesten in Bezug auf ihr persönliches Leben, die eine rohe und echte Sicht auf die Lebensprobleme zeigen. Angèle spielt mit Drumcomputern, Autotune und Trapbeats. In der Single „Démons“ rappt sie mit Damso und mit Storm kommt eine Fortsetzung der feministischen Hymne „Balance ton quoi“. Doch je gebrechlicher, desto mehr blüht Angèle auf: „Nonante-Cinq“ ist intimer, konfessioneller als der Vorgänger und macht damit den Sprung nach vorne.

Angèle dehnt ihr Universum aus. Es war schon gut, jetzt ist es auch schön und ehrlich. Man lege den Schlusssong „Mauvais rêves“ auf und weiß: Hier gibt es keinen Paukenschlag, sondern einen ganz eigenen wunderschönen Pop.

8.4