Talking Heads – Talking Heads: 77

1977 war das Jahr, in dem vier Nerds aus Baltimore den Art Rock auf ein neues, poptastisches Niveau brachten und uns aus dem Gleichgewicht warfen. Der erste Track des Debütalbums „Talking Heads: 77“ mit dem Titel „Uh-Oh, Love Comes to Town“ war ein Popsong, der die exotischen Wurzeln der Gruppe in der Bubblegum-, Motown- und Karibikmusik der späten 60er Jahre betonte. Aber das „Uh-Oh“ hat das Spiel der Gruppe mit seinen nervösen, unzusammenhängenden Texten und der angespannten Stimme von David Byrne frühzeitig verraten. 

 

Alle Vorwände der Normalität wurden dann letztlich durch den zweiten Track aufgegeben. Die gestaffelten Rhythmen und plötzlichen Tempowechsel, die seltsamen Gitarrenstimmungen und rhythmischen Muster, das ausbleiben stimmiger Reime, nicht-lineare Texte, die wie seltsame Bemerkungen von der Couch eines Psychiaters klangen und diese Stimme, die weit über der Reichweite eines normalen Menschen schwebte, deren Falsett-Sprünge und erwürgte Schreie einem Verrückten ähnelten, der verzweifelt versuchte, normal zu klingen.

Ihr Debüt präsentierte uns den klassischen „Psycho Killer“, der einen unglaublich albernen Byrne zeigte, wie er taumelnd über eine dröhnende Basslinie stolpert: „I can’t seem to face up to the facts / I‘m tense and nervous and I can’t relax / I can’t ’cos my bed’s on fire / Don’t touch me, I’m a real live wire.” Aber auch so feine, eckige Stücke wie das Meisterwerk des untertriebenen Sarkasmus „Don’t Worry About The Goverment“ oder „The Book I Read“ waren wild und wunderbar vielfältig. 

Die größte Überraschung an diesem Album ist jedoch nicht der optimistische Auftakt – es ist das Jahr der Veröffentlichung. Obwohl die Heads selten als Einflussfaktor für Bands genannt werden, wäre es unmöglich, sich diese Platte anzuhören, ohne an The Smiths oder New Order zu denken. Aber die Heads waren schon Jahre zuvor da, bevor sich diese Bands das erste Mal bemerkbar machten. Die Talking Heads waren mit dieser Platte Ihrer Zeit voraus und schafften es dennoch, seltsam vertraut zu klingen. Und das machte „Talking Heads: 77“ zu einem wegweisenden und zu einem der besten Alben in diesem Jahrzehnt.

10