Joy Division – Unknown Pleasures

Ein Jahr vor der offiziellen Gründung von Warsaw im Jahr 1977, der zu diesem Zeitpunkt noch namenlosen Band, waren Bassist Peter Hook und Gitarrist und Keyboarder Bernard Sumner lange Zeit erfolglos auf der Suche nach einem Sänger, auch auf der Position des Schlagzeugers verschlissen Hook und Sumner in den folgenden Wochen diverse potentielle Kandidaten. Bald darauf meldete sich auf eine Anzeige hin Ian Curtis, den die beiden schon durch diverse Begegnungen kannten, und trat der Band als Sänger bei. In dieser Konstellation und weiterhin ohne Schlagzeuger bot Pete Shelley von den Buzzcocks Hook und Sumner an, im Vorprogramm eines Konzerts der Buzzcocks mit der Band Penetration am 29. Mai 1977 im Electric Circus zu spielen. 

Im weiteren Verlauf des Jahres spielten Warsaw eine Reihe von Konzerten, bis wieder ein neuer Schlagzeuger gesucht werden musste. Ähnlich wie bei der Suche nach einem Sänger, platzierte die Band Anzeigen in Musikgeschäften. Auf eine der Anzeigen reagierte Stephen Morris. Bis zum Ende von Joy Division sollte die Band in der Konstellation um Ian Curtis, Bernard Sumner, Peter Hook und Stephen Morris fortbestehen. Am 14. Dezember 1977 wurden „No Love Lost“, „Leaders of Men“, „Failures“ und „Warsaw“ aufgenommen. Nach den Aufnahmen und noch bevor Bernard Sumner ein Cover entworfen hatte, beschlossen Warsaw, ihren Namen erneut zu ändern. Am 31. Dezember 1977 gab die Band im The Swingin’ Apple in Liverpool ihr letztes Konzert unter dem Namen Warsaw.

Das Debütalbum „Unknown Pleasures“ von Joy Division wurde vom 31. März bis zum 2. Mai 1979 in den Strawberry Studios in Stockport aufgenommen und abgemischt. Entgegen der damals üblichen Methode, eine Band im Studio live aufzunehmen, ließ Martin Hannett, nach einer ersten gemeinsamen Aufnahme, das Schlagzeug und den Gesang getrennt aufnehmen, um einen möglichst isolierten und sauberen Klang der beiden Instrumente zu erhalten. Zur Gestaltung des Albums empfahl Bernard Sumner Peter Saville eine Abbildung mehrerer Radiopulse des ersten entdeckten Pulsars, die er in der Cambridge Encyclopaedia of Astronomy entdeckt hatte. Das Duochrom-Cover auf diesem ersten Album von Joy Division spricht Bände. Das Schwarz zu den weißen Linien reflektiert einen Impuls der Energie, eine Schwankung des Basses und der rohen Angst. 

Die zehn Songs darin sind eiskalte Wahrzeichen, das ganze Album ein Denkmal für Leidenschaft, Energie und kathartische Verzweiflung. „Unknown Pleasures“ wurde am 14. Juni 1979 veröffentlicht. Niemand erwartete, dass Joy Division die Popmusik mit diesem Debüt verändern würde – am allerwenigsten Joy Division selbst. Es ist eine bemerkenswerte und erstaunliche Aufnahme, die von einer Band gemacht wurde, die keine Ahnung hatte, wie gut sie waren, mit einem Sänger, der nicht lange genug lebte, um zu sehen, wie wichtig sie werden würden. Seine bassgetriebenen Klanglandschaften nutzen Raum, Emotionen und Melancholie auf eine Weise, wie Generationen von Bands heute noch versuchen, diese zu entwirren. „Unknown Pleasures“ ist der dunkle Reiz, es ist der Klang der Zukunft, der über dem Horizont schimmert. 

Das Album beginnt mit einem schnellen Song. „Disorder“ ist ein einfaches, aber großartiges Lied. Zuerst kommt das Schlagzeug mit einem einfachen Drum-Beat, dann kommt ein melodisches Bass-Riff von Peter Hook, dann geht die Gitarre mit einem großartigen Riff an den Start. Das klingt alles ziemlich glücklich, bis Ian Curtis anfängt zu singen: „I’ve been waiting for a guy to come and take me by the hand. Could these sensations make me feel the pleasures of a normal man?“. Danach folgt mit „Day Of The Lords“ ein langsamer und sehr schwerer Song. Ein Song mit einer hypnotisierenden, stotternden Melodie und kratziger Aggression zwischen pulsierenden Trommelschlägen und heulenden Gitarren. Es ist einer der deprimierendsten Songs, die wohl jemals von einer Band aufgenommen wurden.

„She’s Lost Control“ ist wahrscheinlich der bekannteste Song auf diesem Album. Das Lied hat einen einfachen, eigenartig klingenden Schlagzeugschlag. Das liegt daran, dass Produzent Martin Hannett Stephen Morris auf dem Dach des Studios spielen lässt. Hannett war von Drumsounds besessen und wollte einen perfekten Drumsound. Deshalb klingen diese Drum Beats von Stephen Morris auf diesem Album ziemlich seltsam, tragen aber auch zur Einzigartigkeit dieses Albums bei. „She’s Lost Control“ handelt von einer Frau, die Ian Curtis in jungen Jahren kannte. Sie litt unter Epilepsie und beging deswegen Selbstmord. Ian wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass er dasselbe tun würde, da auch er Epileptiker werden würde. Ein ziemlich gruseliges Detail ist, dass er dieses Lied nicht lange vor seinem ersten eigenen epileptischen Anfall schrieb.

„Shadowplay“ gehört zu den unsterblichen Meisterwerken dieser Band. Es beginnt mit leisem Beckenschlag und Bass. Nach 30 Sekunden gibt es eine aggressive Explosion mit einem großartigen Gitarrenriff. Nach jedem Vers folgt ein kurzes Gitarren-Zwischenspiel von Bernard Sumner. Die Gitarre klingt ziemlich atmosphärisch, was in diesem Song absolut gut funktioniert. Das Gitarrensolo am Ende ist eine brillante Heldentat. In „Interzone“ sehen wir die punkigere Seite der Band, dem schnellsten und glücklichsten Song auf diesem Album (abgesehen von den Texten, die niemals glücklich sind). Das Gitarrenriff ist ziemlich eingängig. Die Trommeln sind nicht sehr schnell, aber seltsamerweise passen sie zum Song. Auch hier funktionieren die einfachen, aber seltsam anmutig klingenden Drum Beats von Stephen Morris ausgesprochen gut.

„Unknown Pleasures“ ist ein phantastisches Album. Aber warum ist dieses Album so großartig? Sind es die Texte von Ian Curtis, der sich mit Depressionen, Einsamkeit und Wut auseinandersetzt? Ist es der Spielstil, bei dem Schlagzeug und Bass wichtiger sind als die Gitarre? Ist es das Albumcover? Oder ist es die Produktion von Martin Hannett? Es ist schwer zu sagen, warum genau diese Faktoren zu einem der größten Alben aller Zeiten führen. „Unknown Pleasures“ ist aggressiv, depressiv, experimentell, nachdenklich und hypnotisierend. „Unknown Pleasures“ ist ein Meilenstein in der Musikgeschichte, jeder muss es mindestens einmal gehört haben.