Joy Division – Closer

Als das zweite Album „Closer“ von Joy Division nur wenige Monate später nach dem Debüt veröffentlicht wurde, hatte Curtis sich am 18. Mai 1980 das Leben genommen. Die Hinweise waren in der Songs zu finden, beispielsweise im Stück „Colony“: „a cry for help, a hint of anaesthesia/ the sound from broken homes, we used to always meet here“ und „Destiny unfolded, I watched it slip away“ Erst viel später – über Deborah Curtis’ Buch und den Film „Control“ konnten wir die tragischen Details von Curtis‘ Leben zwischen Epilepsie, verschreibungspflichtigen Medikamenten, die Depressionen verursachten, und der häuslichen Unruhe erfahren. Die rasante Reise der Manchester-Band hatte sie von Warsaw – einer Proto-Punk-Band, die Lou Reed-Cover spielte, Hüte und peinliche Schnurrbärte trug – zum atemberaubenden Abschlussalbum der 1980er Jahre innerhalb von drei Jahren geführt.

Wenn es sich bei „Unknown Pleasures“ um die besessenste und konzentrierteste Arbeit von Joy Division handelt, dann war „Closer“ die chaotische Explosion, die sich in alle Richtungen gleichzeitig ausbreitete. Wer weiß, was der nächste Weg gewesen wäre, wenn Ian Curtis nicht dieses Ziel gewählt hätte? Doch betrachtet man „Closer“ so, wie alle anderen es während den Aufnahmen zuerst dachten – einfach das nächste Album – scheint die Macht von Joy Division gewachsen zu sein. Martin Hannett produzierte die neuen Songs und schien so viele Risiken eingegangen zu sein, wie die Band selbst – unterschiedliche Mixe, unterschiedliche Atmosphären und neue Wendungen bestimmen die Gesamtheit von „Closer“. Von Industrial Metal über Post Rock bis hin zu einigen der eher heruntergekommenen Solokünstlern dieser Generation spiegelt sich die anhaltende Inspiration von Joy Division wie ein unheilvolles Gespenst wider.

„Closer“ ist viel härter im Klang und brutaler in der Gestaltung als sein Vorgänger. Es fühlt sich tatsächlich wie eine Einladung zu einem Nervenzusammenbruch an. „This is the way, step inside“, wiederholt Curtis immer wieder während der verstörenden Auschwitz-Negation „Atrocity Exhibition“ und von da an gibt es wirklich kein Zurück mehr. Die ersten fünf Songs werden entweder von Gitarren oder Synthesizern (das ruckartige „Isolation“, das genau beschreibt, wie sich Depression anfühlt) angetrieben und sie alle erkunden verschiedene Themen der Depression. Das eröffnende Stück handelt von Paranoia und Klaustrophobie und zeigt das Leben als eine Art Gräueltatenausstellung. 

„Passover“ und „Colony“ beziehen sich beide auf Ian’s Besessenheit von biblischen Geschichten und allgemeine Fragen warum Gott ihn unter seiner Depression und anderen Komplikationen leiden lässt. In den letzten vier Songs werden Ian’s Verschiebung und Dekonstruktion wirklich gezeigt. Nach wie vor hat er sein Schicksal akzeptiert, sein Blick wird immer düsterer und am Ende von „The Eternal“ konnte es jeder kommen sehen. Diese dunkle, eindringliche und trostlose Atmosphäre wird noch dominanter und klaustrophobischer und repräsentiert, wie Ian sich fühlte, als dieses Album im Grunde genommen seinen Abschiedsbrief darstellt. 

„Heart and Soul“ und „Twenty Four Hours“ werden zum großen Teil von Sumner’s Gitarrenarbeit bestimmt, unglaublich wie immer, aber Synthesizer und die spärliche und triste Produktion kommen hier unheimlich gut zum Tragen. Die Texte werden dunkler, Curtis elender Blick sah seinem nahen Ende entgegen. Der letzte Vers von „Twenty Four Hours“, eines der bezauberndsten und faszinierendsten Musikstücke, lautet: „Now that I’ve realized how it’s all gone wrong, Gottas find some therapy, this treatment takes too long. Deep in the heart of where sympathy held sway, Gotta find my destiny, before it gets too late“. 

Sein Gesang klingt leblos, als ihm klar wird, dass er keine Zeit mehr hat. Die letzten beiden Songs beenden das Album auf die einzig mögliche Weise – es ist ein Ausstieg. Die Gitarren treten einen Schritt zurück, während Hook’s Basslinien langsamer werden, das Schlagzeug noch spärlicher wird und sich alles deutlich kälter anfühlt. „Closer“ ist eine Platte, die es erfordert, in einer Sitzung ununterbrochen angehört zu werden. Jede Komposition taucht tiefer und tiefer in eine Welt der Verzweiflung ein, von der nur Ian Curtis Zeuge sein konnte und das Album mit „Decades“ zum Abschluss bringt, inmitten der traurigen Schreie von „hearts lost forever“. Die Zerbrechlichkeit von Ian Curtis’ Gedanken lesen sich erschütternd wie ein offenes Buch.

„Closer“ ist das beste Album der Band. Das beste Album von 1980. Eines der besten des Jahrzehnts und wahrscheinlich das größte Post-Punk-Album in Bezug darauf, wie massiv und bahnbrechend es ist. „Closer“ enthält die traurigste und schönste Musik, die je von Menschen gemacht wurde.