Aimee Mann – One More Drifter in the Snow

Christmas, VÖ: Oktober 2006
An Melancholie mangelt es auf ONE MORE DRIFTER IN THE SNOW nicht: Vom Eröffnungscover von Jimmy Webb’s Whatever Happened To Christmas bis zum Original Calling On Mary stellt AIMEE MANN die übliche Fröhlichkeit in Frage.

Das Weihnachtsalbum (im Gegensatz zum Christmas Greatest Hits Cash-In) ist eine Tradition, die außerhalb der MOR-Welt nur noch wenige aufrechterhalten. Einst dachten einige unserer größten Popstars nicht daran, klassische Schlagersänger zu interpretieren, während sie selbst ein paar neue Songs zum Kanon beitrugen. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms nahm Elvis Presley zwölf Weihnachtslieder auf, von denen einer mittlerweile fester Bestandteil der Weihnachtszeit ist: „Blue Christmas“. Anlässlich der Weihnachtszeit verschickten die Beatles Flexi-Discs an ihren Fanclub. Die Beach Boys, die Four Seasons, die Osmonds, Jethro Tull und sogar die Barenaked Ladies haben diesen Anlass alle auf ihre eigene, eigenwillige Art und Weise gefeiert.

Jetzt ist es Aimee Mann, der Königin des Alt-MOR, die mehr denn je nach Karen Carpenter klingt, etwas Eigenes zur Weihnachtsfeier mitzubringen. Allerdings ist Mann nicht wirklich der Typ, die den spitzen Hut trägt und Knallbonbons zieht. Der einzige Grund, warum sie wohl ins Studio gegangen ist, wäre tatsächlich, den Glühwein mit Brom anzureichern und die Luftballons mit einer Haarnadel zum Platzen zu bringen. Mann’s Einstellung ist einigermaßen traditionell – die Lieder sind altbekannt, aber alle vorgetragen mit ihrer herrlichen, unheimlich schönen Stimme und einem Indie-Feeling, das von ihrem üblichen gefühlvoll-traurigen Auftreten herrührt. 

Das ist mehr weihnachtliche Introspektion als Büropartymusik – dennoch ist es ein etwas ungewöhnlicher Seitenschritt einer der besten Singer-Songwriterinnen, die selten etwas anderes als einen scharf zynischen Standpunkt vertritt. „One More Drifter in the Snow“ findet die Singer/Songwriterin als Interpretin in Topform und liefert die lockerste und freundlichste Aufnahme ab, die sie seit Jahren gemacht hat. Sie klingt, als hätte sie Spaß daran, diese Musik zu machen, was nicht nur eine gute Weihnachtsplatte ergibt, sondern auch Gutes für ihr nächstes richtiges Pop-Album verheißt.

6.7