Adrianne Lenker – abysskiss

Folk, VÖ: Oktober 2018
Wenn man den nötigen Kontext vorausgesetzt, ist das zweite Soloalbum ABYSSKISS von ADRIANNE LENKER eine triumphale Rückkehr zu ihrem eigenen Namen.

Auch wenn Adrianne Lenker den größten Teil der letzten zwei Jahre mit ihrer Band Big Thief auf Tour war, verbrachte sie den Großteil ihrer Freizeit – in grünen Zimmern, Hotels und auf Nachtfahrten – damit, ihr Handwerk zu verfeinern. Die mit Luke Temple von Here We Go Magic aufgenommenen Titel ihres Soloalbums „abysskiss“ spiegeln eine neu entdeckte Zielstrebigkeit wider, strahlen Wärme aus und vermitteln eine unaufdringliche Ehrfurcht vor dem menschlichen Dasein. Lenker’s intimes Geschichtenerzählen beschäftigt sich seit jeher mit den kleinen Momenten im Leben, und in einem Interview mit Stereogum beschrieb sie das neue Album als „something like this bridge between the infinite and the finite and the mystery and the abyss of complete wonder.“

Das Album ist auch ein stilles Schaufenster ihrer melodischen Fantasie. Handgezupfte Akustikgitarren sind die Art von Medium, die die Art von Musiker offenbaren, die Sie in Ihrem Innersten sind – es gibt nichts, hinter dem Sie sich verstecken könnten. Sie können die Grundlagen der Technik in zwei Stunden erlernen und sich dann ein Leben lang in den Möglichkeiten verlieren. Die besten und einfallsreichsten Spieler behandeln die Akustikgitarre eher wie eine Harfe – Elliott Smith, Kurt Vile, Jessica Pratt – und Lenker hat denselben flackernden Touch. In ihren Händen breiten sich Gitarrennoten zu kleinen Konstellationen aus. Die Akkordstimmen kommen nie ganz zur Ruhe, genau wie ihre Stimme, die je nach Tonfall beruhigend oder fremdartig klingen kann. 

Die Mischung der Gefühle – brodelnde Unruhe, lauernde Bedrohung, Intimität bis zum Ohr, schwankende Unsicherheit – erinnert an Elliott Smith. Wie bei seiner Musik kann man in ihrem leisen Klang fast jede intensive Emotion erkennen, wenn man sie dort finden möchte. Auch wenn es bisher wie eine sehr hübsche Platte erscheint, flirtet sie doch mit ihrer struppigeren Seite. Sowohl „From“ als auch „Symbol“ beginnen grob mit rauen Riffs und Texten, die sich gedankenlos wiederholen. Tatsächlich erinnern sie an die Angst, die Nirvana’s „Nevermind“ durchdringt. 

Bei Lenker ist die Schönheit jedoch nie weit entfernt und beide Songs entfalten sich in wunderschönen Refrains, was sie erneut als Künstlerin auszeichnet, die die Fähigkeit besitzt, Kontraste zu nutzen, um zum wahren Herzen der Zuhörerin vorzudringen. Fans von Big Thief sollten sich dieses Album nicht entgehen lassen, denn Lenker’s stimmungsvolles Geschichtenerzählen, ihre Verbundenheit mit der Natur, ihre einzigartigen Stimmtöne und ihre Fähigkeit, aus dem Alltäglichen Erhabenheit hervorzurufen, kommen auf diesem Album zum Ausdruck. Lenker hat sich als eine der fesselndsten Songwriterinnen erwiesen, nicht nur im Indie-Folk, sondern auch in der Gegenwart. „abysskiss“ bietet neuen Trost und warme Vertrautheit und ist eine Platte, die schnell den Weg in unser Herz findet und behutsam die Seele streichelt.

8.1